Türkische Bäume und Erdoğans gefährliche Fehlkalkulation

F. William Engdahl

»Ein Baum stirbt, ein Volk erwacht.« Dieser Satz des türkischen Dichters Nâzım Hikmet ist so etwas wie der Schlachtruf der Massenproteste der letzten Tage in der Türkei. Was als friedliche Sit-Ins einiger Hundert grüner Studenten und Demonstranten am Gezi-Park im Istanbuler Taksim-Viertel begann, eskalierte mit atemberaubender Wucht zu landesweiten Protesten gegen die Regierung. Offenbar hat sich Ministerpräsident Erdoğan gefährlich verkalkuliert.

 

Der Auslöser des Proteststurms – der noch längst nicht vorüber ist – war die unverhältnismäßig brutale Reaktion der Polizei, die mit Wasserwerfern, Pfefferspray und Tränengas gegen die friedlichen Demonstranten vorging.

Dieses Vorgehen der Polizei gegen die Demonstranten, von denen mir einige aus persönlichen Gesprächen bekannt sind, hat zu einem landesweiten Aufstand gegen die islamistische Regierung Erdoğan geführt. Die türkische Polizei wird systematisch von islamistischen Offizieren übernommen, die loyal zu Ministerpräsident Tayyip Erdoğan und dessen regierender AKP-Partei stehen, die seit zehn Jahren die türkische Politik beherrscht. Es gibt Berichte, wonach Offiziere, die der AKP und besonders der undurchsichtigen Bewegung von Fethullah Gülen nahestehen, befördert und kemalistische Offiziere verdrängt werden.

Mehr als eine Woche nach den ersten Protesten hielt Erdoğan, der mitten in der schwersten Krise, die seine Regierung je erlebte, nach Tunis gereist war, dort am 6. Juni eine Pressekonferenz ab, bei der er die Achtung von Gesetz und Ordnung forderte und die Demonstranten als »Extremisten« abtat. In Tunis sprach Erdoğan von »Terrorgruppen«, welche die ursprüngliche Umweltkampagne manipulierten, verantwortlich seien ausländische Elemente.

Diese Worte beruhigten die Lage nicht etwa, sondern gossen weiteres Öl auf Feuer. Voller Trotz kündigte er an, in Gezi würden weiterhin Bäume gefällt, um Platz für ein Einkaufszentrum zu schaffen. Die Börse in Istanbul verzeichnete deutliche Kursverluste, ebenso die türkische Lira.

Bei der Obama-Regierung in Washington, die Erdoğan bislang als »Modell« einer islamischen »Demokratie« für die gesamte muslimische Welt betrachtet, wächst die Sorge davor, dass das Image der AKP Schaden nimmt und dass die Welt die gepanzerte Faust einer intoleranten Diktatur wahrnimmt. Obama spricht häufiger mit Erdoğan als mit irgendeinem anderen Spitzenpolitiker der Welt, Großbritanniens Premierminister David Cameron ausgenommen. Erdoğan spielt eine Schlüsselrolle in Obamas Strategie des »Arabischen Frühlings«, das heißt der Verbreitung eines politisch militanten Islams über die muslimische Welt von Afghanistan bis Marokko und insbesondere über die zentralasiatischen Republiken der früheren Sowjetunion und China.

Quelle, hier weiterlesen: http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/europa/f-william-engdahl/tuerkische-baeume-und-erdo-ans-gefaehrliche-fehlkalkulation.html

 

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