Magnetstürme und Sonnenausbrüche: Entfesselt unser Stern bald mächtige Katastrophen?

Andreas von Rétyi

Nach den seltsamen Internet-Gerüchten um Edward Snowdens vermeintliche Enthüllungen einer Serie von gefährlichen Sonnenstürmen war nun unter anderem zu lesen, dass auch Meteorologen einen stürmischen Herbst mit Blick auf solare Ereignisse voraussagten – wieder eine ganze Serie von solaren Explosionen, die jeweils heftige geomagnetische Stürme auf der Erde entfesseln sollen. Was ist dran an der Geschichte? Was müssen wir wirklich befürchten?

Die bevorstehende Magnetfeldumkehr auf der Sonne sorgt für Furore. Überhaupt findet sich das gegenwärtige Sonnenmaximum immer wieder in den Schlagzeilen. So titelte unter anderem die britische Daily Mail schon am 8. März, die NASA warne davor, dass »etwas Unerwartetes auf der Sonne« geschehe. Jetzt gehen angeblich einige Meteorologen davon aus, die aktuelle Situation

auf der Sonne werde in den kommenden Tagen und Wochen deutliche Auswirkungen auf unseren Planeten haben, in Gestalt von Magnetstürmen, die sich bis zum Erdboden fortpflanzen und dabei für einige Probleme sorgen können.

Vor allem in der zweiten Septemberhälfte soll es dann wohl richtig losgehen. So zumindest war am 5. September online bei der Stimme Russlands zu lesen. Hier werden sogar konkrete Daten gelistet: 7. September, 13. bis 15. September, 17. sowie 27. September. Die Gerüchteküche des Internets kocht, viele machen sich Sorgen. Und dass NSA-»Verräter« Edward Snowden angeblich ebenfalls eine solare Katastrophe in Aussicht stellt, verleiht dem Ganzen einen noch bedrohlicheren Anstrich: Der nunmehr weltbekannte Whistleblower habe angeblich auf Grundlage vorhandener Geheimdienstdokumente erklärt, diesen September werde eine ganze Serie von verheerenden Sonnenstürmen über die Erde hereinbrechen und Hunderte von Millionen Menschen töten. Kann das stimmen? Wird unser Stern jetzt wirklich wild?

Bisher konnte davon eher kaum die Rede sein. Der 24. Zyklus lief erst mit einiger Verspätung an und zeigte sich nicht sehr beeindruckend. Seit dem Jahr 1755 werden die im Durchschnitt rund elf Jahre dauernden Sonnenzyklen durchnummeriert. Da sich die magnetische Polarität jeweils mit einem neuen Zyklus ändert, währt die entsprechende Magnetperiode doppelt so lange, etwa 22 Jahre. Vor allem in den Jahren des Maximums entwickelt die Sonne zahlreiche unvorstellbar energiereiche Phänomene. Am augenfälligsten sind die dunklen Flecken auf ihrer Oberfläche. In der darüber liegenden Chromosphäre geht es dann richtig zur Sache, hier zeigt sich das vom Magnetfeld gestaltete Sonnenplasma mit so gewaltigen wie überwältigenden Strukturen, riesigen dunklen Filamenten, Protuberanzen, hellen Fackelgebieten und Flare-Explosionen. Letztere erreichen Energien von zehn Milliarden Ein-Megatonnen-Nuklearbomben. Die potenzierte Apokalypse!

Dass sich die Sonne auf die Erde auswirkt, weiß jedes Kind. Schließlich gäbe es uns überhaupt nicht ohne diesen Stern. Doch die Auswirkungen der Sonnenaktivität gehen ganz offenkundig weit über das hinaus, was sich die Schulweisheit bislang träumen ließ, selbst wenn vereinzelte Forscher bereits beeindruckende Indizien gefunden haben. Dass die Kompassnadel im Sonnensturm wie wild ausschlägt und diese alte Navigationshilfe zeitweilig unbrauchbar wird, leuchtet schnell ein. Darin erschöpfen sich die solaren Auswirkungen in keinster Weise. Abgesehen von den Polarlichtern, die durch eintreffende solare Teilchenschauer nach explosiven solaren Materieauswürfen in der Atmosphäre ausgelöst werden, zeigen sich Einflüsse auf Wetter, Klima, pflanzliches und tierisches Leben.

Verschiedenen Studien zufolge wird die Luftzirkulation in der Atmosphäre durch die Sonnenaktivität beeinflusst, längere Zyklen wie der vermutete 33-jährige Brikner-Zyklus oder aber der 80-jährige Gleissberg-Zyklus überlagern die bekannten Phänomene und scheinen ebenfalls für Veränderungen zu sorgen. Es gibt einige erstaunliche Studien, bei denen solare Zusammenhänge zur Wanderung und Vermehrung von Insekten gefunden wurden, ebenso zu Ernteerträgen, Dicke von Jahresringen, Gewitterhäufigkeit, sogar den verschiedensten Epidemien und Sterblichkeit von Menschen.

Der Moskauer Biologe A. P. Dubrow stellte 1968 experimentell einen Einfluss der Sonne auf die Menge pflanzlicher Wurzelausscheidungen fest. Bestimmte Bakterien zeigen verstärkte Farbreaktionen, sobald die Sonnenaktivität hoch ist – hierzu führte der russische Arzt Sergei Welchower mehr als 85 000 Versuche durch. Vor allem sein Landsmann Alexander L. Tschischewski untersuchte die Auswirkungen der Sonnenaktivität intensiv, um zahlreiche gesundheitliche Effekte zu finden.

Schon 1930 schrieb er ein Buch mit dem Titel Die epidemischen Katastrophen und die periodische Sonnenaktivität, worin er große Epidemien untersucht und interessanterweise eine Häufung im elfjährigen Sonnenzyklus findet. Viele seiner Kurven zur solaren Aktivität und den betreffenden Krankheitsfällen decken sich. Es gäbe zahlreiche Beispiele hierfür.

Dass magnetische Feldschwankungen auch den menschlichen Körper beeinflussen, konnte in zahlreichen Experimenten nachgewiesen werden – solche Feldvariationen können therapeutisch genutzt werden, aber auch fatale Folgen haben, wenn sie unkontrolliert verlaufen, eben wie bei solar entfachten Magnetstürmen. Mediziner fanden bei hoher Sonnenaktivität merkliche Veränderungen im Blutbild.

 

So fiel dem Arzt N. A. Schulz schon 1957 auf, dass die Zahl der weißen Blutkörperchen nach extremen Sonneneruptionen abnahm. Auch gibt es Untersuchungen zum Einfluss auf das Nervensystem und das elektrische Potenzial der Haut. Die Blutgerinnung wird verschiedenen Analysen zufolge ebenfalls beeinflusst, und demnach verwundert es nicht, wenn schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehäuft zu Zeiten geomagnetischer Stürme auftreten. Dabei spielt vor allem das Ausmaß der Schwankung eine entscheidende Rolle.

Natürlich sind nicht alle Menschen gleichermaßen betroffen, sondern vor allem Personen in kritischerem gesundheitlichen Zustand. Der Zusatzeinfluss der Sonne wird hier dann zum Auslösefaktor teils sogar finaler Krisen. Nicht zuletzt wurden psychologische Auswirkungen gefunden. So soll die Suizidrate bei solar bedingten Magnetstürmen um das Vier- bis Fünffache ansteigen.

Die Liste der vermuteten oder teils bereits gut dokumentierten Einflüsse ließe sich beinahe beliebig erweitern, auch hinsichtlich elektronischer Systeme. Gerade hier sind die Auswirkungen physikalisch klar belegt. Nicht nur Kompassnadeln, auch moderne Navigationsinstrumente werden durch Sonnenstürme ausgehebelt. Ein großes solares Ereignis stört nicht nur die Funkübertragung, sondern legt auch GPS, Mikroelektronik, Stromnetz, Frühwarn- und Sicherheitssysteme lahm. Die Folgen lassen sich als absolutes Chaos beschreiben. Unsere Abhängigkeit von moderner Technologie macht’s möglich! Der Verkehr würde zusammenbrechen, die Versorgung brachliegen, und weitflächige Stromausfälle in dicht besiedelten Gebieten würden bürgerkriegsähnliche Zustände entfesseln. Plünderungen stehen in einem derartigen Szenario wohl auf der Tagesordnung.

Was das gegenwärtige Sonnenmaximum betrifft, sah und sieht es nicht nach einer geradezu beängstigenden Aktivität aus.

Die aktuell im Netz verbreiteten Prognosen lassen allerdings doch noch größere solare Ereignisse befürchten. Was aber steckt dahinter und wie zutreffend können solcherlei Prognosen überhaupt sein? Das Problem: Unsere Sonne lässt sich noch weit weniger gut in die Karten schauen als das Wetter. Und das heißt schon was. Bei aller Wissenschaft, niemand kann derzeit zuverlässig oder gar für längere Zeitspannen irgendeine sinnvolle Aussage treffen, was uns erwartet. Bemerkenswert aber ist, dass ein fades Maximum noch lange keinen Stillstand bedeutet. Hier kann es sogar wiederum ganz plötzlich und unerwartet mächtig krachen.

Um Panikmache soll es hier nicht gehen. Davon findet sich derzeit im Internet genug. Aber auch die angebliche Vorhersage für einen geomagnetischen Sturm zum 7. September hat sich nicht erfüllt, die Sonne blieb außerordentlich ruhig. Was in der deutschsprachigen Version eher nach einer Tatsache klingt, wird bei der englischsprachigen Voice of Russia bereits am 11. August im klaren Snowden-Kontext als Satire verstanden und aufgegriffen – statt Prognosen also eher »Prognonsens«.

Auch der amerikanische Autor Paul Joseph Watson vonInfowars hat sich der Berichte angenommen und sieht in solchen unbegründeten, echten Verschwörungstheorienlediglich Ablenkmanöver von tatsächlichen Vertuschungen und bedeutenden Themen der Geheimhaltung. Offenbar soll diese Geschichte aber nicht nur von den faktischen Enthüllungen Snowdens ablenken, sondern ihn auch öffentlich der Lächerlichkeit preisgeben. Selbst, wenn sich die Geheimdienste mit der Sonnenaktivität befassen und auch in diesem Zusammenhang vielleicht sogar ungewöhnlichere Prognosemethoden genutzt haben, bleibt nichts als die Feststellung absolut mangelnder Substanz der ganzen Darstellung.

Allerdings steht fest, dass riesige Sonnenflares selbst auf einer insgesamt gemäßigten Sonne stattfinden können. So geschehen am denkwürdigen 1. September 1859: Am Vormittag jenes sonnigen Tages ereignete sich ein gigantischer Weißlicht-Flare, der überhaupt erste je beobachtete. Und er war gleichzeitig wohl der mächtigste, der sich innerhalb der letzten 500 Jahre ereignet hatte. Die Erde befand sich damals direkt in der Schusslinie, und so ging in den Telegrafenleitungen weltweit ein ganz besonderes Feuerwerk los. Heute wäre ein solcher Sturm von vernichtendem Einfluss auf die globale Infrastruktur.

Gegenwärtig sieht es auf der Sonne extrem ruhig aus. Der anomale Zyklus 23 / 24 zeichnet sich anscheinend durch zwei schwache Maxima aus: Im Jahr 2011 fand offenbar bereits das erste davon statt. Im Frühjahr 2013 war die Sonnenaktivität im Vergleich zu 2012 und der momentanen Situation wieder höher. Einige Fachleute erwarten allerdings erst für Ende 2013 das große Maximum von Zyklus 24. Prognosen hin, Prognosen her, die kommenden Wochen und Monate werden in jedem Fall eine spannende Zeit!

Quelle: http://info.kopp-verlag.de/neue-weltbilder/neue-wissenschaften/andreas-von-r-tyi/magnetstuerme-und-sonnenausbrueche-entfesselt-unser-stern-bald-maechtige-katastrophen-.html;jsessionid=CC65D9E2C521691E6B73388568439D51

 

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