Lebens-Keime: Außerirdische Organismen in der Hochatmosphäre?

Andreas von Rétyi

Derzeit geht es wieder einmal heiß her mit der Diskussion um außerirdisches Leben: Während neue Analyseergebnisse auf dem Mars für Ernüchterung gesorgt haben, zeigt sich ein Professor der britischen Universität Sheffield sehr sicher, bestechende Indizien für außerirdische Lebensformen in unserer Erdatmosphäre entdeckt zu haben.

Bei der Fahndung nach dem biologischen Stoffwechselprodukt Methan auf unserem äußeren Nachbarplaneten Mars haben sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten widersprüchliche Ergebnisse eingestellt. Nach ersten Erfolgsmeldungen lieferte die aktuelle Mission des CuriosityRovers nun kaum sehr erfreuliche Informationen: Die Suche nach Methan als Signal für die
 Anwesenheit von primitiven Lebensformen verlief bislang negativ. Zwar streiten sich auch die Gelehrten darüber, ob dieses Resultat nun wirklich für den gesamten Planeten aussagekräftig ist oder nicht, doch sollen auf jeden Fall weitere Experimente folgen – sowohl durch Curiosity selbst als auch durch eine spätere Mission.

Vielleicht, so meinen einige Forscher, fand die Messung einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort statt. Schon ein leicht veränderter Abstand von der Marsoberfläche kann viel ausmachen. Oder aber der rote Planet, an den sich so viele Hoffnungen hinsichtlich außerirdischer Lebensformen knüpfen, ist wirklich eine tote Welt.

Ganz so einfach stellt sich die Geschichte allerdings nicht dar, denn selbst das Nichtvorhandensein dieses simplen Kohlenwasserstoffs würde die Existenz von Leben keineswegs per se ausschließen. Zudem gehen Wissenschaftler davon aus, dass die Bedingungen für eine aktuelle Präsenz von Mikroorganismen stark über die Planetenoberfläche hinweg variieren. Nicht zu vergessen: Im Jahr 2005 konnte mit Hilfe der ESA-Sonde Mars Express nachgewiesen werden, dass sich unterhalb der Marsoberfläche Wasser befindet, zumindest in gefrorenem Zustand. Lokal dürfte zeitweilig aber durchaus auch flüssiges Wasser vorhanden sein. Sogar auf der Oberfläche selbst: Raumsonden-Aufnahmen zeigen beispielsweise ganz typische, sich aktuell noch verändernde Wasser-Erosionsmuster. Und wo sich flüssiges Wasser befindet, bestehen auch ausgezeichnete Chancen für Leben. Der Fall ist also noch längst nicht entschieden und abgeschlossen.

Auch eine andere Frage beschäftigt die Forscher schon seit geraumer Zeit: Könnte es auf unserer Erde bereits irgendwo definitiv nachweisbare außerirdische Lebensspuren geben? Gerade vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass britische Wissenschaftler um Professor Milton Wainwright angeblich auf extraterrestrische Lebensformen in unserer Erdatmosphäre gestoßen sind. Das klingt allerdings schon nach starkem Tobak! Die Geschichte wäre eine wahre Sensation und bereits jetzt haben einige Medien vom ultimativen Beweis gesprochen. Die meisten Forscherkollegen Wainwrights haben die Meldung jedoch weit skeptischer aufgenommen. Keine Frage, bei einer solchen Behauptung unvermeidlich. Außergewöhnliche Behauptungen verlangen nach außergewöhnlichen Beweisen, so forderte einst der berühmte Astrobiologe Carl Sagan. Nur, streng genommen gibt es überhaupt keinen außergewöhnlichen Beweis. Jeder Beweis, der seinen Namen verdient, hat auch seine Gültigkeit. Klar ist hingegen, dass die Forschung bei Extremszenarien in aller Regel besondere Vorsicht walten lässt.

Was aber hat Wainwright nun wirklich gefunden? Das ist ziemlich schnell erzählt: Mithilfe eines Forschungsballons sammelten die Wissenschaftler der Universität Sheffield winzige, offenbar biologische Proben in einer Höhe von bis zu 27 Kilometern und somit innerhalb der Stratosphäre auf. Der Ballon wurde am 31. Juli von Dunham on the Hill in Cheshire, England, gestartet. Das Experiment verlief während eines kometarischen Meteorschauers, weshalb die Forscher davon ausgehen, dass die sehr ungewöhnlich scheinenden Mikroben tatsächlich aus dieser kosmischen Materie stammen. Auch sei ausschließlich ein extrem starker Vulkanausbruch in der Lage, Teilchen so hoch in die Atmosphäre zu katapultieren – kein aktuelles Ereignis habe annähernd die erforderliche Energie besessen.

Kritiker hingegen wenden ein, niemand könne heute mit Gewissheit eine Aussage dazu treffen, in welche Höhen primitive irdische Organismen verfrachtet werden könnten. Doch die Partikel sinken innerhalb weniger Tage in die Tiefe, wären also nicht mehr in jener Schicht zu finden gewesen. Also wieder ein Argument pro kosmischer Ursprung. So geht es hin und her. Skeptiker geben zu bedenken, der Molekularbiologe Wainwright sei allgemein umstritten, ebenso das Magazin, in dem er die zur Debatte stehende Arbeit publizierte: Das Journal of Cosmology habe der Huffington Postzufolge bereits öfter unbewiesene »Verschwörungstheorien« veröffentlicht.

Dieses Magazin müsse laut kritischen Stimmen eher als eine private Publikation aus dem engeren Umfeld des Forschers Chandra Wickramasinghe angesehen werden, der bereits seit Jahrzehnten jene Theorie favorisiert, der zufolge außerirdische Mikroben vorwiegend durch Kometenstaub in die Erdatmosphäre eindringen. Wickramasinghe ist auch Koautor der beiden neuen Studien-Berichte, die am 9. und 12. August 2013 im Journal of Cosmology erschienen sind.

Die Theorie über eine präbiotische organische Synthese in Kometen sowie auch die Frage nach einer Bedeutung von Kometen für den Ursprung des Lebens auf der Erde wurde sogar in Fachbüchern wie dem von Laurel Wilkening 1983 herausgegebenen, ziemlich voluminösen WerkComets durchaus diskutiert, wobei schon damals immerhin von teilweise klaren Anzeichen für eine präbiotische kometarische Chemie die Rede war. Wenn es aber um einen kometarischen Transportmechanismus für primitives Leben geht, um eine Panspermie als universell vorhandene kosmische Lebenssaat, folgt unmittelbar ein abschlägiges Urteil.

Was aber hat es mit jenen Mikroben aus der Hochatmosphäre sowie früheren, nicht minder seltsamen Funden auf sich? Immerhin stießen Forscher bereits vor Jahren auf »organismenartige« Strukturen in Meteoriten, was wiederholt für Aufsehen sorgte. Einige dieser potenziellen Mikroben waren komplett von meteoritischer Materie umschlossen, weshalb die beteiligten Wissenschaftler einen außerirdischen Ursprung als bewiesen ansahen. Ähnlich auch die aktuelle Argumentation: Die ungewöhnlichen Gebilde sind teilweise in kosmischen Staub eingebettet, was kaum der Fall wäre, stammten sie von der Erde.

Handelt es sich aber überhaupt um Mikroorganismen? Wainwright, Wickramasinghe und ihre Kollegen sehen keinen Grund, daran zu zweifeln. Sie legen unter anderem elektronenmikroskopische Aufnahmen der von ihnen gefundenen »biological units« vor, darunter von einem wenige Mikrometer großen regelmäßig aufgebauten Gebilde, das sie eindeutig als Siliziumdioxid-Zellhülle (Frustel) einer Diatomee identifizieren. Weithin eher bekannt als »Kieselalgen« – eben wegen des hohen Kieselsäure-Anhydrid-Gehalts (SiO2) –, stellen sie einen wesentlichen Anteil des irdischen Meeresplanktons und kommen möglicherweise in bis zu 100 000 Arten vor. Nicht zuletzt deshalb melden Skeptiker ernste Bedenken hinsichtlich eines kosmischen Ursprungs an. Wainwright und seine Gruppe schließen jedoch unter anderem eine Verunreinigung ihrer Sammelapparatur aus. Denn noch vor dem eigentlichen Experiment führten sie einen Kontrollflug durch, bei dem die Sammelluke geschlossen blieb, während alle übrigen Vorgänge wie geplant abliefen. Dabei fanden sich keinerlei Partikel. Im Experiment wurde die Luke dann in einer Höhe zwischen 22 026 und 27 008 Metern 17 Minuten lang geöffnet, wobei nicht nur typische Teilchen kosmischen Staubs eingesammelt wurden, sondern eben auch die nun heiß diskutierten Gebilde.

Zur ungewöhnlichen Ausbeute zählten auch fremdartige Körperchen offenbar biologischen Ursprungs, die allerdings für Bakterien zu groß waren. Auch andere recht exotische Relikte müssen erst genauer untersucht und nach aller Möglichkeit taxonomisch eingeordnet werden. Interessant unter den gesammelten Proben ist insbesondere ein potenzieller Mikroorganismus, der offenbar unter den stratosphärischen Druckverhältnissen komprimiert wurde. Da aber der Druck in solchen Höhen sehr gering ist, spräche die vorgefundene zerstörte Hülle möglicherweise für einen Körper, der an ein »Beinahe-Vakuum« angepasst ist.

Eine andere Interpretation wäre, dass ein höherer Innendruck zum Platzen der Hülle führte, als das Gebilde in genügend dünner Luft angelangt war. Würde sie dann aber nicht ganz anders aussehen? Aber, sind diese Interpretationen nicht doch völlig hinfällig, weil auch zu diskutieren ist, ob und wann die Zerstörung des Organismus wirklich erfolgte und ob hier fossile Formen vorliegen? Während Wickramasinghe dies nahelegt, sprechen andere Forscher, darunter Fachleute für Diatomeen, die Funde als rezent an.

Die Argumente der Befürworter und ihrer zahlreichen Gegner laufen kreuz und quer, für die etablierte Wissenschaft längst ein klarer Fall: Alles andere, nur keine Mikroben aus dem All. Weitere Untersuchungen durch die beteiligten Astrobiologen und andere Experten sollen folgen und endlich eindeutig aufklären, welche Herkunft die vermeintlichen Mikroben haben. Prinzipiell kommen hierfür nur jene beiden angesprochenen Möglichkeiten in Betracht – entweder wurden die biologischen Partikeln durch ein noch zu ermittelndes Ereignis in jene Höhen verfrachtet und stammen somit von der Erde selbst oder aber sie »regneten« wirklich aus dem All zu uns herab.

Oder gibt es doch eine dritte Variante? Dass irdisches Material bei einem enormen Meteoriteneinschlag ins All geschleudert wurde, um nach langer Zeit wieder auf die Erde herabzuregnen? Dann wären die vermeintlichen außerirdischen Eindringlinge lediglich zeitweilige Raumreisende. Tatsächlich liegen viele gut belegte Informationen vor, dass Materie selbst zwischen zwei weit entfernten Planeten ausgetauscht wird.

1911 wurde im ägyptischen Dorf Nakhla ein Hund von einem Meteoriten erschlagen. Er, der Meteorit, stammte mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit vom Mars, so stellte sich viel später heraus. Denn Gaseinschlüsse im Inneren deckten sich mit den von den VikingSonden vor Ort gemessenen Werten zur Marsatmosphäre. Und der vom Mars-Rover Opportunityuntersuchte »Bounce Rock« entspricht in seiner chemischen Zusammensetzung genau der Meteoritenklasse der basaltischen Shergottite.

Expeditionen in Australien und der Antarktis lieferten weitere Exemplare von Mars-Meteoriten. Diese Steine mussten bei heftigen Einschlägen von Asteroiden oder Kometen über die jeweilige Entweichgeschwindigkeit beschleunigt worden sein, im Falle von Mars also auf mehr als fünf Kilometer pro Sekunde, um den Planeten zu verlassen. Anderes Material mag wieder auf seine Oberfläche gestürzt sein. Diese Brocken aber traten eine lange Reise an, die schließlich endete, als unsere Erde den Trümmerteilen in die Quere geriet. So gelangten Bodenproben vom Mars auf ganz natürliche Weise vom Roten zum Blauen Planeten, noch lange, bevor überhaupt die ersten Mondproben gewonnen wurden. Und auch vom Mond wurden Meteorite gefunden, die somit ebenfalls per natürlichem »Planetentennis« durch den Weltraum zur Erde verfrachtet wurden.

Heute werden Mars- und Mondmeteorite zu horrenden Preisen gehandelt, das Gramm zu Tausenden von Dollar. Allerdings bleibt bei alledem ein weitgehend ungelöstes Rätsel bestehen. Niemand kann wirklich erklären, warum diese so besonderen Fundstücke recht wenige Anzeichen von Stoßwellenmetamorphose aufweisen. Normalerweise sollten alle möglichen Veränderungen im Gestein nachweisbar sein, wie sie auch auf der Erde nach riesigen Meteoriteneinschlägen anzutreffen sind – Quarz-Hochdruckmodifikationen, planare Elemente, diaplektische Gläser und so fort. Immerhin wurde die Hochdruckmodifikation Stishovit im afrikanischen Zagami-Meteoriten gefunden, einem Stein vom Mars. Schockgeschmolzene Glaseinschlüsse fanden sich unter anderem beim Shergotty-Typ-Meteoriten EETA79001, aber insgesamt gibt es nur relativ wenige »interne Hinweise« auf ein massives Impaktereignis.

Trotzdem spricht die spezifische Zusammen setzung eine deutliche Sprache. Möglich wäre, dass eher sehr viele kleine Einschläge als wenige große Kollisionsereignisse über die Zeit genügend Materie ins All befördert haben. Diese Option wird nicht zuletzt durch Computersimulationen bestätigt. Übrigens wurden bekanntlich auch in Mars-Meteoriten biologisch anmutende Strukturen entdeckt. Wenn aber definitiv extraterrestrisches Gestein solche verdächtigen Gebilde umschließt, können sie dann – ganz gleich, ob sie nun biogen oder nicht sind – wirklich von der Erde stammen? Gewiss nicht. Doch handelt es sich wirklich um einstiges Leben? Als der NASA-Wissenschaftler David S. McKay 1996 im Mars-Meteoriten ALH 84001 potenzielle fossile Bakterien entdeckte, löste dies weltweit eine Sensation aus, entfesselte aber auch einen Sturm gegnerischer Argumente. Die Diskussion hält bis heute an. Ganz generell distanziert sich die anerkannte Wissenschaft von jener Idee außerirdischer Mikroben in Meteoriten und Kometenstaub.

Wiederholt sich hier vielleicht die Geschichte einer von wissenschaftlicher »Seriosität« geprägten Ablehnung von Wahrheiten? Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts zogen honorige Forscherpersönlichkeiten die Möglichkeit eines kosmischen Ursprungs der Meteorite ernsthaft in Zweifel. Wer diese Theorie unterstützte, musste mit einigem Spott und sogar heftigen Angriffen aus den Reihen der etablierten Wissenschaft rechnen. Die vermeintlich abstruse These, dass Steine vom Himmel fallen können und somit aus dem All stammen, stellt heute eine unumstrittene Tatsache dar. Möglicherweise wird dies bald auch für die merkwürdigen Stratosphären-Mikroben gelten. Auch Wainwright, Wickramasinghe sowie ihre Kollegen wollen nicht vom »endgültigen Beweis« sprechen, sondern erklären, es könne sich um biologische Strukturen aus dem All handeln.

Professor Chandra Wickramasinghe, der viele Jahre lang mit dem berühmten Querdenker Professor Fred Hoyle an der Panspermie-Theorie weitergearbeitet hat, stammt ursprünglich aus Sri Lanka. Ausgerechnet hier ging im Jahr 2012 offenbar ein Meteorit nieder, der ähnliche Gebilde wie jene aus der Stratosphäre in seinem Inneren barg: Am 29. Dezember 2012 soll nahe der Stadt Polonnaruwa ein Brocken aus dem All abgestürzt sein, der schon sehr bald nach dem Fall von Wickramasinghe und seiner Arbeitsgruppe geborgen wurde.

Diese Geschichte ist für sich genommen bemerkenswert und spannend, auch, weil keine offizielle Bestätigung für einen echten Meteoriten vorliegt und die Meteoritical Society als international zuständige Gesellschaft somit auch keinen entsprechenden Fund verzeichnet. Trotzdem wurden an verschiedenen Steinen Untersuchungen durchgeführt und eine kosmische Herkunft nahegelegt. Diatomeen-Experten hatten in ihnen tatsächlich zahlreiche echte Kieselalgen identifiziert, können aber an der Vielfalt die bekannte irdische Evolution deutlich nachzeichnen und gehen daher von irdischen Verunreinigungen aus.

Professor Wickramasinghe macht hingegen seinerseits klar darauf aufmerksam, dass viele der aufgefundenen Gesteinsproben faktisch in keinem Kontext mit dem Meteoritenfall stünden. Dennoch habe man sie zur Analyse ins Labor gesandt. Er legte daraufhin auch die eigenen Analysen des von seiner Gruppe geborgenen Steins vor, bei dem es sich um einen kohligen Chondriten und somit um einen sehr seltenen Meteoriten handele, zudem um eine bis dahin unbekannte Abart. Auch in diesem Fall scheint das letzte Wort nicht gesprochen zu sein. Man darf nur gespannt der Dinge harren, die da noch kommen, möglicherweise direkt aus dem Weltraum.

Quelle: http://info.kopp-verlag.de/neue-weltbilder/neue-wissenschaften/andreas-von-r-tyi/lebens-keime-ausserirdische-organismen-in-der-hochatmosphaere-.html;jsessionid=798B4D77124C84E7F492AA40C2AA572E

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